Lerne die Sprache des Nachbarn
Eine Fremdsprache ab der Ecole Maternelle lernen…
…eine Realität seit mehreren Jahren im Département Moselle in Lothringen für Kinder ab drei Jahre. Die Inspection Académique de la Moselle hat seit 1990 das Lernen der Sprache des Nachbarn als Priorität bezeichnet. Wie viele Kinder sind in dieses Projekt einbezogen? Wie funktioniert es wirklich in den Einrichtungen? Was denken die Kinder und die Eltern darüber?
Die Fremdsprachen in den Ecoles Maternelles in Frankreich
Seit 2002 kann man in den nationalen Bildungsplänen für Fremdsprachenunterricht für die Ecole Maternelle lesen:
„Die Rolle der „Ecole Maternelle“ besteht darin, das Kind für die Rhythmen, die Töne und den Klang einer Sprache zu sensibilisieren, so lange seine Fähigkeit zur Hördiskriminierung und zur Imitation von Lauten in voller Entfaltung sind. Da man herausgefunden hat, dass diese Fähigkeiten ab dem Alter von 10 Jahren zurückgehen, ist es wichtig mit dem „Fremdsprachelernen“ ab dem Kindergarten anzufangen, um die Kinder auf das Sprachenlernen in der Schule vorzubereiten.“
Aber in der Realität ist dies noch nicht überall möglich. Nicht alle Lehrer beherrschen eine Fremdsprachegut genug, um sie kleinen Kindern beizubringen.
Seit zwei Jahren ist es Pflicht für neue Lehrer in Frankreich, eine Fremdsprache zu beherrschen. Das heißt, dass alle Lehrer die im Institut Universitaire de Formation des Maîtres (IUFM) ausgebildet werden, eine Fremdsprache unterrichten müssen.
Die Fremdsprachen in den Ecoles Maternelles im Département Moselle
Seit 1976 lernen die Kinder aus dem Osten des Département ab Cours Moyen 1 (4. Klasse) und Cours Moyen 2 (5. Klasse), nach dem Willen des Regierungsschulrates Georges Holderith, die Sprache des Nachbarn, also Deutsch.
Die geografische Situation des Département im Zentrum der Großregion und das sprachliche und kulturelle Erbe haben zur Entwicklung einer neuen pädagogischen Politik geführt.
Die Rundschreiben vom 10.9.1990 und 26.10.1994 gaben den Schulen die Möglichkeit, ab Ecole Maternelle bis Sekundarstufe 2 (Lycée) im ganzen Département Moselle, Deutsch zu unterrichten. Es wurden sogar bikulturelle Schulen geöffnet, in denen die Kinder bis zu 13 Stunden pro Woche die Sprache des Nachbarn lernen können. Dieser besondere Zug wird „Voie Spécifique Mosellane“ (VSM) genannt.
Im Jahre 2003 wurde der Name der VSM geändert zum „Dispositif d’Enseignement Approfondi de l’Allemand“ (DEAA).
In den Ecoles Maternelles oder Elementaires, wo die Deutsche Sprache gelernt wird, sind alle Lehrer „habilités pour enseigner la langue allemande“. Das bedeutet, sie haben die Erlaubnis, Deutsch zu unterrichten. Sie mussten eine Prüfung ablegen, in der sie mündlich und schriftlich in Deutsch getestet wurden, und Ihre Kenntnisse, gemäβ Richtlinien für den Fremdsprachenunterricht, geprüft worden sind.
Im Schuljahr 2006-2007 gab es 14 bikulturelle Ecoles Maternelles (891 Schüler), 22 DEAA Ecoles Maternelles (665 Schüler), also insgesamt 1556 Schüler ab 3 Jahren, die Deutsch lernten.
Eine enge Zusammenarbeit mit dem Saarland, dem Generalrat der Moselle und den Gemeinden
Damit das Lernen einer Fremdsprache einen Sinn für die Kinder und Ihre Eltern bekommt, haben all diese Ecoles Maternelles einen deutschen Partnerkindergarten. Es besteht eine enge Kooperation zwischen dem Kultusministerium des Saarlandes und der Académie Nancy-Metz (Lothringen). Fast alle Ecoles maternelles pflegen Partnerschaften mit einem saarländischen Kindergarten. Diese Partnerschaften geben den Lehrkräften, den Kinder und den Eltern die Möglichkeit, das Erlernte in Übung zu bringen, die Kultur des Nachbarn kennen zu lernen und ihn besser zu verstehen.
Die Einrichtungen treffen sich mindestens zwei Mal pro Jahr (einmal in Frankreich, einmal in Deutschland), manche treffen sich sogar alle zwei Wochen. Während dieser Treffen lernt man seinen Partnerkindergarten kennen, man lernt aber auch wie es in einem anderen Schulsystem funktioniert. Diese Unterschiede sind für die Lehrkräfte sehr interessant und bereichernd, jedes System hat positive und negative Aspekte, die sich ergänzen können.
Damit diese Begegnungen möglich werden, unterstützt der Generalrat der Moselle finanziell die Einrichtungen, indem er die Fahrtkosten von der Schule zum Kindergarten übernimmt. Die Gemeinden unterstützen diese Treffen ebenfalls finanziell. Die Eltern können die Kinder bei diesen Begegnungen begleiten oder sie unterstützen sie, indem sie Kuchen backen, Geschenke mit den Kindern basteln etc…
In den Einrichtungen
„Guten Tag, guten Tag, sagen alle Kinder…“ singen fröhlich die Kinder zusammen mit der Lehrerin, die freiwillig in dieser Klasse arbeitet „und welcher Tag ist heute?“ Solche und ähnliche Rituale werden jeden Morgen auf Deutsch wiederholt, damit die neuen Wörter und Satzstrukturen besser behalten werden. Es wird getanzt, gesungen, gespielt, man treibt Sport, man bastelt, man malt, während aller Aktivitäten einer Ecole Maternelle wird Deutsch gesprochen. Es gibt keinen "richtigen Unterricht" (z.B. Grammatik), sondern ein "Sprachbad". Jede Gelegenheit wird genutzt um die Fremdsprache zu üben: beim Frühstück, im Pausenhof….
In der Klasse findet man eine deutsche Ecke mit Bilderbüchern und Märchenbüchern, wohin die Kinder freiwillig gehen können.
Die Kinder werden sehr früh mit den kulturellen und sprachlichen Unterschieden oder Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Frankreich konfrontiert. „Je früher desto besser“. Nicht nur, weil das Kind später die Sprache vielleicht besser beherrschen wird, sondern weil es eine positive Haltung gegenüber anderen Kulturen und anderen Sprachen entwickeln kann.
Die Einführung in der Fremdsprache muss vor allem einen spielerischen Charakter haben.
So kann man:
- Den Kindern bekannte Spiele vorschlagen (die Spielregeln sind schon in der Muttersprache bekannt).
- Eine Handpuppe benutzen. Diese macht es den Kindern häufig leichter, sich einzulassen, weil sie sich an eine "Person" wenden (sie hat nur die Besonderheit die Fremdsprache zu sprechen und zu verstehen).
- Mit Bildern arbeiten, da noch keine schriftliche Sprache eingeführt wird (die Kinder lernen das Schreiben in ihrer Muttersprache erst in der Grundschule. Es erscheint daher nicht wünschenswert, zuvor bzw. parallel mit dem Schreiben in einer Fremdsprache zu beginnen, deren Phonetik anders ist).
- Lieder oder Reime lernen
- Geschichten erzählen, die immer von Bildern und Gesten begleitet werden.
In der pädagogischen Vorgehensweise werden drei Phasen von den Lehrern berücksichtigt:
1. Phase: Die Entdeckung
- die Kinder hören zu
- sie versuchen Hypothesen ausgehend von Gestik, Mimik, Sprachmelodie und Betonung zu formulieren
- sie vergleichen
- sie suchen Ähnlichkeiten mit der Muttersprache
- sie analysieren die Situation und ziehen Schlussfolgerungen
2. Phase: Aneignung
- die neuen Wörter oder Satzstrukturen werden gespeichert
- die Kinder versuchen Nachzuahmen
3. Phase: Anwendung der Kenntnisse, Vertiefung
- Verständigung mit den Anderen
- Austausch mit Muttersprachlern
Der Standpunkt der Kinder und der Eltern
Wenn man diese Schule betritt und eine Deutschstunde beobachtet, fühlt man die Begeisterung der Kinder, eine andere Sprache zu lernen. Alle Kinder fangen zusammen neu an, alle haben die gleichen Voraussetzungen. Sogar ein Kind mit Schulproblemen kann im Fremdsprachenunterricht zeigen, dass es auch erfolgreich lernen kann.
„Ich mag deutsch lernen, dann kann ich mit meiner Oma reden!“ sagt der kleine Florian.
Was Ihnen aber großen Spaß macht, ist die Feste ihrer Partner zu feiern und ihre Bräuche kennen zu lernen.
Die Eltern sind begeistert, wenn sie die Fortschritte ihrer Kinder sehen, obwohl manche eine Sprachverwirrung fürchten. Viele dieser Eltern wurden selbst schon bilingual mit dem Lothringer Platt aufgezogen und wissen, wie wichtig es ist, mehrere Sprachen in einem Grenzgebiet zu kennen.
„Wir leben an der Grenze zu Luxemburg, Deutschland und unweit von Belgien und der Schweiz…unsere Kinder werden vielleicht die Chance haben, dort zu studieren oder zu arbeiten, obwohl englisch sehr wichtig ist!“ bezeugt eine Mutter.
Ja, warum wird nicht Englisch gelernt? Die Eltern wissen: Wenn Ihre Kinder die Grundschule verlassen, können sie ab der 6ème im Collège (6. Klasse im Gymnasium) Deutsch weiter lernen und Englisch dazu! Also Zwei Fremdsprachen ab 11 Jahren, um frühzeitig Trilingual zu werden.
Fazit
Seit Mai 2007 werden Bewertungen und Beobachtungen mit den Kindern durchgeführt, um die Auswirkungen des frühkindlichen Sprachbads zu messen. Die Resultate sind sehr positiv (85% der Kinder können sich in der Fremdsprache verständigen), und zeigen uns, dass diese innovative Vorgehensweise weitergeführt werden sollte. Wenn man sich frühzeitig für andere Sprachen interessiert, die in anderen Ländern gesprochen werden, entwickelt man einen anderen Blick auf seine eigene Sprache und festigt die muttersprachlichen Grundlagen.
Diese Kinder sind die europäischen Bürger von Morgen.
Mehr über unsere Projekte erfahren Sie auf unseren Webseiten:
Centre Transfrontalier: http://www3.ac-nancy-metz.fr/iamoselle/spip.php?rubrique67 (französisch)
Bildung baut Brücken: http://www.saarland-nancy-metz.eu/ (gemeinsame Homepage mit dem Kultusministerium des Saarlandes)
Myriam Cocco
Referentin für Deutsch
Ecoles primaires (écoles maternelles + écoles élémentaires)
im Département Moselle
Centre Transfrontalier
Saint-Avold

